Bahn fahren Reloaded – Mein Gastbeitrag auf www.bilder-und-buchstaben.de

Heute wurde mein erster Text veröffentlicht.

Ein Freund von mir führt den Blog „Geschichten in Bildern & Buchstaben„. Kai nutzt diese Seite, um seinen Kopf von den vielen Ideen zu befreien, die darin rumschwirren. Zumeist in Form von Kurzgeschichten und Reiseberichte, die in solchen verpackt werden oder auch in Bildern.

Sein Beitrag zum Thema Bahn fahren hat mich seinerzeit inspiriert, auch meine Erfahrungen in diesem Bereich zu teilen; daraus entstand dann mein erster Gastbeitrag.

Leider ist der Blog nicht mehr online, weshalb ihr meinen Text nun hier lesen könnt:

Ich bin ja ein außerordentlicher Morgenmuffel. Ich brauche einfach Zeit um wach zu werden; lange Zeit. Die Bahn hat sich nun seit geraumer Zeit etwas ausgedacht um mir dabei behilflich zu sein. Doch fangen wir von vorne an.  

Ich fahre morgens mit der S-Bahn auf die Arbeit. Das ist zwar nicht besonders günstig, jedoch sehr praktisch, da ich quasi vor meiner Haustür in die S-Bahn rein- und vor der Tür meines Arbeitgebers wieder rausfallen kann. Da ich, wie erwähnt, morgens nicht besonders wach und damit nicht besonders aufnahme- bzw zu irgendetwas fähig bin, gehe ich auf gut Glück an den Bahnsteig und lasse mich von den Anzeigetafeln inspirieren, welches Gleis ich mir zum Warten aussuche. Mehr als eine Inspiration können diese Tafeln auch kaum sein, da sie, wenn es drauf ankommt und man wirklich pünktlich sein möchte, ohnehin etwas Falsches anzeigen. „Hmm … S-Bahn auf Gleis 2 in Kürze … S-Bahn auf Gleis 4 in 6 Minuten … Gleis 2 it is!“. Sitze ich dann in der S-Bahn, welche auf Gleis 2 bereits wartet und schaue aus dem Fenster kann ich mit ziemlicher Sicherheit sehr bald die S-Bahn auf Gleis 4 beobachten, wie sie in den Bahnhof einfährt und kurze Zeit später – und vor allem VOR meiner S-Bahn – den Bahnhof wieder verlässt. Zeit, einen erneuten Blick auf die Anzeigetafel zu werfen. „S-Bahn auf Gleis 2 in 10 Minuten“ … what the …. Ok, nicht schlimm, auf Gleis 3 fährt in vier Minuten die nächste S-Bahn los. Also raus aus der Bahn, Treppe runter, Treppe rauf, rein in die Bahn.  

Hat mich das viele Treppensteigen am frühen Morgen noch nicht vollkommen munter gemacht, springt die Bahn an dieser Stelle hilfreich ein. Dank der EG-Richtlinie über Technische Spezifikationen für die Interoperabilität ertönt bei den neuen S-Bahn-Zügen während die Tür sich öffnet etwa fünf Sekunden lang ein durchgängiges Signal, akustisch und auf einer Frequenz von 3.000 Hz (kein Scheiß, ich hab‘s recherchiert!). Sollte das noch nicht gereicht haben um vom Tiefschlafmodus in den Hellwach-Oh-Mein-Gott-Die-Außerirdischen-Greifen-An-Modus versetzt zu werden reicht die Bahn auch hier noch einmal helfend die Hände: ein lautes Piepen von 1.700 Hz (ja, auch recherchiert) begleitet das Schließen der Tür. Beide Töne werden mir mit einem Schalldruckpegel von 70 dbLAeq (hört sich gut an, musste ich auch bei Wikipedia nachschlagen) in die Ohren gedrückt – ich bin wach.  

Leider. Denn nachdem ich mich gesetzt habe, komme ich in den Genuss des neuen Bushido-Tracks. Ein überaus aufmerksamer Jugendlicher (der zudem auch extrem cool und lässig wirkt) hat sich bereit erklärt, seine morgendliche Gehirnzersetzungszeremonie mit mir zu teilen. Über die Lautsprecher seines Smartphones. Vielen Dank auch. Unter der Beschallung von lyrischen Perlen wie „Ihr seid wie Haferflocken, ich bin ein harter Brocken“ und „Ich nehm‘ dein Skateboard du Gaylord“ nähere ich mich meiner Arbeitsstelle.  

Den Aussteige-Vorgang (nicht nur zu Messezeiten) hat Kai ja bereits treffend beschrieben, so dass ich dazu keine Worte mehr verlieren muss. Meine Reise endet jedoch erst mit Verlassen der Haltestelle und dazu liegt noch eine letzte Hürde vor mir: die Rolltreppe. Es ist wirklich egal, an welchem Tag und um wieviel Uhr ich diese Rolltreppe nach unten betrete, sie sind immer da: der Süchtige und die Faule. Die Faule betritt immer als erstes die Rolltreppe, nur um dann stehenzubleiben und die Rolltreppe das tun zu lassen, was sie in der Regel am besten kann – Menschen befördern. Und weil es sich um eine sehr schmale Rolltreppe handelt, bleibt dem Rest der Menschenmasse, welche sich auch nach unten begeben möchte, nichts weiter übrig, als sich ebenfalls befördern zu lassen. Und da kommt der Süchtige ins Spiel. Routiniert hat dieser bereits in der Bahn die Zigarette gedreht und gerade noch so lange gewartet, bis er auf der Rolltreppe steht. Länger kann er nun wirklich nicht warten, auf gar keinen Fall die 2 Minuten, die es dauern würde, die Rolltreppe nach unten zu fahren und die fünf Meter aus der Station herauszulaufen – die Kippe muss sofort angezündet werden. Klar, hinter ihm stehen noch ungefähr 20 Menschen und er hat nun nicht alle gefragt, ob es ok ist, wenn die nun mangels Alternative seinen Rauch einatmen müssen, aber die haben sicherlich Verständnis. Er ist schließlich süchtig. Ich habe Mitleid mit ihm. Ich habe sogar Tränen in den Augen. Das könnte aber auch vom Rauch kommen.  

Ich freue mich schon auf den Heimweg, der mit der völlig verdreckten Rolltreppe beginnt, die seit ca vier Wochen das tut, was sie fast noch besser kann als Personen befördern, nämlich kaputt sein. Ach gäbe es doch nur ein Berufsfeld, welches solche Schäden beheben kann … Und jeden Morgen frage ich mich: warum bist du nicht mit dem Motorrad gefahren? 

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