Erinnerungen – Szenen aus dem Leben

Das mit den Erinnerungen ist so eine Sache.

Ich erinnere mich an Szenen aus meiner Kindheit, aber diese Szenen scheinen willkürlich zu sein. Ich erinnere mich an mein „Kinderzimmer“ hinter der Wohnzimmercouch, in der ersten Wohnung meiner Eltern. Da war ich zwei. Oder der Kerbeumzug in Oberrad, wo ich als Wölfling oder Jungpfadfinder mitgelaufen, über meine Füße gestolpert bin und mir beim Aufschlag auf den Asphalt meinen linken Vorderzahn abgebrochen habe. Und an die Fahrt im Cabrio zum zahnärztlichen Notdienst. Eine riesige Rutsche am Goetheturm. Oder wie mein Bruder sich bei meiner Oma und meinem Opa auf einer Beetsbegrenzung aus Stein die Stirn aufgeschlagen hat und genäht werden musste.

Andere Erinnerungen wiederum sind einfach weg. Da liest man drüber und denkt sich „Echt? So war das?“. In der Schule hatte ich mit meiner besten Freundin ein Briefebuch. Das waren im Prinzip einfach Hefte, in die man einen Brief an die andere Person geschrieben hat, dieser das Heft dann übergeben hat und die andere Person hat dann geantwortet und so weiter. Jedenfalls fiel ihr dieses Buch vor einigen Jahren bei einem Umzug wieder in die Hände. Und beim Blättern darin stellte ich fest, dass ich mit 18 mal ein Such a Surge Konzert besucht habe. Muss auch ziemlich cool gewesen sein. Das Problem ist nur, ich erinnere mich nicht mehr. Es steht da, blau auf vergilbten weiß und dennoch kommt nicht ein Funken Erinnerung zurück. Genauso wenig wie an die Klassenfahrt, die offenbar im gleichen Jahr stattgefunden hat. Es ist nicht so, dass ich nur nicht mehr weiß, wie es war. Wenn es nach mir und meinem Gehirn geht, dann hab ich gar nicht teilgenommen; weder am Konzert noch an der Klassenfahrt. Und ich habe in der Zeit keine Drogenexzesse oder ähnliches gefeiert, mein Gehirn scheint sich nur aus irgendeinem Grund dafür entschieden zu haben, diese Erinnerungen nicht für immer zu speichern.

Es gibt auch Erinnerungen, die kommen immer mal wieder unvermittelt an die Oberfläche. Durch einen Song den man hört, durch einen Geruch, durch ein Bild. Bei mir passiert das eigentlich ausschließlich bei Songs. Dann fühle ich plötzlich wieder genau das gleiche Gefühl, dass ich in der Phase hatte, wo ich den entsprechenden Song (meist oft) gehört habe. „too many miles“ von The Bones zum Beispiel kann ich mir nicht mehr anhören.

Und manche Erinnerungen sind da, aber es ist eher wie eine Szene aus einem Film, an die ich mich erinner, nicht wie etwas, dass ich selbst erlebt habe. Da ist so eine merkwürdige Distanz, als wäre das alles einfach ein kleines Stück zu weit weg. Das sind dann meist Erinnerungen, die einem wehtun. Oder wütend machen. Oder beides. Da hab ich aktuell auch ein paar im Angebot. Ganz frisch, man kann das langsam trocknende Blut der offenen Wunden noch riechen. Sie sind ein bisschen verschwommen und du musst sie dir selbst holen, eben weil sie so weit weg sind. Und ein Rückgaberecht hast du auch nicht.

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